Christian Lippuner

vom 21/04/2018 bis 23/06/2018 in der Galerie OBERTOR

Galerie OBERTOR zeigt in der nächsten Ausstellung Werke

des Künstlers Christian Lippuner zum Thema Nahe am Ungemach.

Ausstellungsdauer: 21. April bis 23. Juni 2018

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Laudator János Stefan Buchwardt, Galeristin Jsabella Portmann, Künstler Christian Lippuner.

 

Laudatio von János Stefan Buchwardt:

Nahe am Ungemach Galerie OBERTOR

Christian Lippuner wird zum ersten Mal in Chur

ausgestellt. Ein alter Mann in einer jungen Galerie, ein

Künstler aus dem Thurgau im Bündnerland. Alt, sehr

verehrte Damen und Herren, heisst keineswegs altbacken,

jung nicht unerfahren. Gefragt habe ich mich, was der

Apfelkanton und der der Steinböcke denn gemeinsam

haben. Da wird es schon knifflig. Beide gehören zur

Grossregion Ostschweiz. Ohne gross zu recherchieren,

auf Anhieb kommt man auf nicht viel. Unterschiede

hingegen schon: Was hier die Nusstorte ist, dort sind es

die «Öpfelringli». Wir freuen uns sehr, bei Ihnen zu sein,

das darf ich im Namen des Künstlers ausdrücklich sagen.

Weg von Unwissenheit und genierlichen Klischees. Mein

Vorschlag: Ab sofort lassen wir Christian Lippuner zum

Bindeglied werden. (Das wäre ja schon ein schöner

Schlusssatz am Anfang meiner Rede. Keine Angst, ich

mache weiter.) Die Galeristin Jsabella Portmann gibt ihm

zwei Monate Zeit. Sollte zu schaffen sein! Für ihn und zu

Ihnen sprechen seine hier ausgestellten Werke. Elf an der

Zahl, käuflich zu erwerben. Er lebt davon, dass Sie aus

dem Südosten es denen aus dem Nordosten gleichtun

werden. In den Bodensee-Regionen ist er etabliert und

renommiert, bei Sammlern wie auch bei den Kantonalen

Sammlungen St. Gallen und Thurgau.

Gut, Kunst zählt nicht zu den schnell mal so erworbenen

Waren. Sie muss sich auszeichnen, muss überzeugen,

verführen und im besten Fall überdauern. Der Künstler

muss uns nicht gleichgültig sein, aber er darf hinter sein

Schaffen zurücktreten. Schauen wir zuerst auf die Titel:

Die Einheit brennt, Luzifers List, Digitaler Rausch,

Zersetzung von Schönheit, Manipulation der Autonomie,

Nahe am Ungemach. – Es wird ungemütlich. Wir

erschrecken vielleicht. Verwunderung ist plötzlich im

Raum. Die gute Stimmung geht flöten. Wenn Sie heitere

Blumentableaus und Rosenbögen am Bodensee erwartet

haben sollten, da ist die Tür.

Laudator Janos Stefan Buchwardt825 4639Wozu wir hier versammelt sind, geht weit über die profane

Kaffeefahrt hinaus. Langfristig will die Betitelung unseren

kritischen Geist wachrufen und befriedigen. Lippuner

bedient sich der Schönheit, verweist aber gleichzeitig auf

ihre Zersetzung innerhalb organischer Kreisläufe. Er warnt

vor drohender Vereinsamung, setzt aber der den Rausch

verkörpernden Figur ein bis über beide Ohren strahlendes

Smiley-Pendel zur Seite. Er kämpft für den Platz an der

Sonne, bevorzugt aber vornehmlich Grauabstufungen für

das grosse Flüchtlingsbild mit dem Titel «Nahe am

Ungemach». Er scheut weder das Hell noch das Dunkel,

weder Licht noch Nacht.

Wenn Sie die Störung Ihrer Routinen zulassen, wenn Sie

Irritation als Strategie moderner Kunst gelten lassen, wenn

Sie in beunruhigenden Positionen Anstösse zum

gesellschaftlichen Diskurs orten, dann sind Sie hier

goldrichtig.

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Die Bilder und Objekte leben zwar von profund

gesetzten Provokationen, Lippuner setzt aber gleichzeitig

auf die Ästhetik der stillen Rebellion. Er ist kein Anarchist,

er ist besonnener Aufklärer. Kein künstlerischer Extremist,

er ist überzeugender Abweichler. Die List teuflischer

Gebärde, das Gefährdetsein unserer Autonomie, die

Auflösung von Einheit und Eintracht – wir haben es mit

einer erbötig kämpfenden künstlerischen Kraft zu tun.

Innerhalb von fünfzehn Jahren hat Christian Lippuner zu

einer bemerkenswerten Sprache als freischaffender

Künstler gefunden. Grossformatige Gesten, fein

ausgearbeitete Ziselierungen und Lineaturen. Trotz

körperlicher Miseren, die ihn immer wieder ereilen, oder

gerade deswegen: Er ist auf der Überholspur. Viele

schätzen seine bildnerische Jugendhaftigkeit, seine

mühelos scheinende Akribie, seine Besessenheit.

Daneben erstaunt das irgendwie immer auch

seelenvergnügte und hoffnungsfrohe philosophische

Schürfen. Schemen, Schichtungen, Linien. Das ist

Verwobenes, um Verfilztes aufzudecken. Verdunkeltes,

um inneres Feuer zu beleben und sich zukunftsfreudig an

(Bündner) Höhenluft zu laben. – Hat er nun mehr als nur

so einen Namen verdient oder nicht? Urteilen Sie. Danke!

János Stefan Buchwardt | www.jstb.ch | 21. April 2018

 

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Der Künstler Christian Lippuner im Gespräch.

 

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Links: Die angehende Kunsthistorikerin und Galeriemitarbeiterin Seraina Peer.

Rechts: Die Galeristin und Künstlerin Jsabella Portmann.

 

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Lippuner-Karte-A5-1-ansicht.pdf

http://www.christianlippuner.ch

http://www.artlog.net/de/exhibition/nahe-am-ungemach

http://grheute.ch/2018/04/12/galerie-obertor-zeigt-christian-lippuner/

Lippuner Karte A5 825vorne

Lippuner Karte A5 825

 

Christian Lippuner – Nahe am Ungemach

Seit der Jahrtausendwende ist Christian Lippuner, Jahrgang 1947, freischaffender Künstler. Sein Produktionsort Ermatingen liegt an idyllischer Lage, da nämlich, wo der Thurgau an den See anstösst. Konsequent Interaktionen des «Dazwischens» zwischen Mensch und Raum aufspürend, stellt Lippuners Kunst kontroverse Themen zur Debatte. Seine Ausdrucksweise kultiviert Schemenhaftes wie Geschichtetes. Sie operiert mit der Magie verwobener Lineaturen bis hin zur Fragwürdigkeit verfilzter Strukturen. Viele der von vitaler Beobachtung gesellschaftlicher Diskrepanzen geprägten Einzelwerke befinden sich in den Sammlungen der Kantone St. Gallen und Thurgau.

Für den Künstler charakteristisch sind farbenfrohe grossformatige, stets aber komprimierte Gesten, die handkehrum über feine Ziselierungen vor oftmals dunklem Hintergrund verblüffen. Hier geht es übergeordnet um Verschlingung und Verknotung, um das Verfangen- oder Gefangensein in bedrohlich gewordenen Flechtwerken. Mit Kassandra-Augen zeigt Lippuner eine Gefahrenpalette auf, die das Aufkeimen politischer Irrwege aufgreift, auf wuchernde Urbanisierung und Digitalisierung reagiert und vor dem Verlorensein in virtueller und digitaler Hingabe warnt. Philosophisch wie allegorisch weiss seine Kunst aber immer ein Netz der guten Hoffnung zu spannen.

Text: János Stefan Buchwardt